Friss und stirb trotzdem

WDR 3 Hörspiel - 29.06.2018, von Raul Zelik

Real-Crime-Hörspiel aus der Berliner Antifa-Szene

Protest linker Gruppen gegen ein Fest der AfD zum ersten Mai am Bleicheroder Park in Berlin Pankow., imago/snapshot / Tobias Seeliger

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

1994 kam es in Berlin zu einem Aufsehen erregenden Prozess: Angeklagt waren Jugendliche aus der deutsch-türkischen Antifa-Szene. Ihnen wurde vorgeworfen, bei einem Überfall auf eine Versammlung der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" im Handgemenge den Funktionär Gerhardt Kaindl erstochen zu haben. Anderthalb Jahre hatte der Berliner Staatsschutz vergeblich in der Szene ermittelt, bevor es gelang, Tatbeteiligte zu stellen.

Raul Zelik hat den Fall fiktiv aufgearbeitet. Sein Real-Crime-Hörspiel liefert eine Version der Vorgänge aus Sicht der Jugendlichen: Er schildert, wie die spontane Aktion mit blutigen Folgen den Großstadtsommer einer Clique abrupt beendet und einer der Tatverdächtigen seine Heimatstadt Berlin verlassen und untertauchen muss.

Besetzung:EddieAlexander KhuonRicardoCuco WallraffJamalMehmet Merih YilmazÄrztinAstrid MeyerfeldtSemraMeriam AbbasCeyhanHelene GrassDieterAlexander HauffBachmannGötz SchulteTürkischer PolizistAykut KayacikÖzgürTobias SchenkeChileninJustine del CorteBonkersArthur Kuggeleyn


Von Raul Zelik
Technische Realisation: Jonas Bergler
Regie: Petra Feldhoff
Redaktion: Thomas Leutzbach
Produktion: WDR 2004

Ausstrahlung: 29. Juni 2018 in WDR 3, 30. Juni 2018 in WDR 5

Das Hörspiel steht nach der Sendung zum kostenlosen Download bereit.

Links die Bullen, rechts die Glatzen, in der Mitte Musik auf den Ohren. So waren die letzten Sommertage seiner Jugend auf einer Bank am Bahnhof. Arda Yilmaz steht am Grab seines Vaters und erzählt wütend seine türkisch-deutsche Geschichte.

Bei der Beerdigung sieht Arda seinen Vater zum ersten Mal. Diesen Mann, der 18 Jahre in türkischer Haft verbracht hat. Am Sarg erzählt Arda vom Aufwachsen in Deutschland - ohne Pass, dafür mit seinen Jungs Danny, Bojan und Savaş, die Gras dealen, Mädchen hinterher pfeifen und in der Sonne mit halbgaren Nazis tanzen. Und von seinem 18. Geburtstag auf den Fluren des Ausländeramts, dem Tag, an dem er beschlossen hat, herauszufinden, wer er ist und wer sein Vater war. Was er findet, ist eine gescheiterte Revolution in der Türkei, ein junger Revoluzzer, der sich im deutschen Exil in die Tochter einer Gastarbeiterin verliebt, und eine Liebe, die in Almanya nicht glücklich wird.

Get deutsch or die tryin‘ ist eine Best-Of-Platte der (Des-)Integration, zu der neben dem Upbeat-Tempo der vier Jungs auf der A-Seite unweigerlich auch eine Familiengeschichte in Moll auf der B-Seite gehört. Get deutsch or die tryin‘ ist für Freunde, abgeschoben in Länder, die es nicht mehr gibt, für Töchter, die es zuhause nicht mehr aushalten, ist Hip-Hop, Soul, Gewalt und erzählt vom Leben in einer Sprache, die nicht dir gehört.

Besetzung:ArdaDrob DynamicMurat / ErMehmet YilmazÜmran / SiePinar ErincinSusanna / AylinElmira BahramiDanny / KozminskiMurat DikenciSavasTalu Emre TüntasBojanVolkan T error

von Necati Öziri
Regie: Volkan T. Error
Produktion: WDR 2018
Redaktion: Natalie Szallies

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Wann ist ein Ausländer ein "echter" Ausländer? Wie hochdeutsch muss Sprache sein, um ein Muttersprachler zu sein? Kann man Freizügigkeit bescheinigen? Und wo ist dieses freie Land, das den schönen Namen Europa trägt?

Eine junge Frau sitzt im Zug aus ihrer Heimat Südtirol nach Berlin, wo sie ihre deutsche Einbürgerungsurkunde in Empfang nehmen wird. Erinnerungen an die Stationen einer Einwanderung – in ein neues Land und in die eigene Sprache, in ein selbstgewähltes Leben und eine europäische Idee. Kurz vor dem Brenner steigen sechs junge Männer zu. Sie könnten auf dem Weg zum Fußball sein. Oder zum Shopping. Sie sind es nicht.

Was trennt diejenigen, die es nach Europa zieht, von denjenigen, die innerhalb Europas migrieren? Was ist all jenen gemeinsam, die einmal gegangen sind und seither versuchen, anzukommen?

Maxi Obexer stellt in ihrem Hörspielessay grundlegende Fragen zu Identität und Zugehörigkeit, zu Grenzen und Grenzüberschreitungen, zum Auswandern und Einwandern. Und antwortet mit ihrem eigenen Leben.

Besetzung:MaxiMargareth ObexerHoff, BeamterGlenn GoltzChristianeKatharina SchmalenbergAlex, junge FrauJulia SchäfleElena, jung mit russischem AkzentValentina RekowskiFrau (Establishment)Bettina EngelhardtBayer, Mann mit bayrischem Akzent:Bert Cöllital. JournalistinLuciana Caglioti


Von Maxi Obexer
Regie: Gerrit Booms
Technische Realisation: Rike Wiebelitz und Steffen Jahn
Redaktion: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 25. Juni 2018

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Rami Hamze ist gebürtiger Ostwestfale. Sein Äußeres scheint bei seinen Mitmenschen damit aber nicht überein zu bringen zu sein. Die häufig gestellte Frage, wo er herkomme, beantwortet er daher mit: "Aus der Zukunft." Ob sich Humor, Sarkasmus und Angriff als beste Verteidigung hierbei die Waage halten, ist die Frage. In autobiographischen Anekdoten nimmt uns Rami mit auf eine Reise durch den Alltag eines "Menschen mit Migrationshintergrund". Dabei sind Dinge komisch, die eigentlich nicht zum Lachen sind.

Besetzung:RamiRami HamzeBabaHusam ChadatAntonioToni LWalterWilfried SchmicklerBaristaGiovanni ZarrellaMama  Inaam WaliFast-Food-MannKutlu YurtsevenJemand              Frank MaierBundespolizistMichael StangeAlter MannUlrich HaßNabilMajd AlkhouriPerson ParisAurélie ThepautPerson USASteve HudsonTypPiet FuchsOmiTherese DürrenbergerFrau in U-BahnEva MannschottJugendlicheSuli KurbanPerson IsraelFiona Metscherkleiner RamiTheo Burkholder


Von Rami Hamze
Regie: Gerrit Booms
Technische Realisation: Peter Harrsch und Theresia Singer
Redaktion: Christina Hänsel
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 26. Juni 2018

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Das Portrait einer Frau, die das Gefühl für Heimat über die Distanz findet. Nicole verwehrt sich gegen das vermeintliche Entweder-Oder: Lustvoll verbindet sie das Leben der Kosmopolitin mit dem der heimatverbundenen Spießerin. Nicole wuchs beschaulich auf. In Warstein-Belecke. 5400 Einwohner. Dort ist die 37-Jährige groß geworden. Niemals wollte sie weg von Zuhause. Bis ihr Job und ihr heutiger Mann sie 2005 nach Singapur brachten. Vier Jahre lang hat Nicole dort gelebt, arbeitete in ganz Asien. Hätte dort bleiben können. Doch sie kam mit ihrer Familie bewusst zurück in ihre alte Heimat, denn ihr wurde schnell bewusst, dass Ferne und Nähe einander bedingen, dass sie das eine braucht, um sich im anderen zu Hause zu fühlen.

"Kindheitserinnerungen sind - wenn sie schön sind - ein ganz großes Stück Heimat" sagt die dreifache Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau. "Auf ihnen baut sich alles auf. Sie umhüllen mich warm. Geben mir Geborgenheit. Auf diesem Fundament bin ich der offene, neugierige und glückliche Mensch geworden, der ich bin". Nicoles Fenster zur Welt bleibt ihr Job. Sie arbeitet in einem Weltkonzern. Heimat und Ferne. Schützenfest und internationale Konferenzen.

Besetzung:SprecherinLaura Tonke


Von Antje Passenheim
Regie: Hannah Georgi
Redaktion: Christina Hänsel
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 28. Juni 2018

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Was, wenn du Heimat spürst? Wenn du dich angekommen fühlst. Und wenn andere in deiner Heimat genau das in Frage stellen? Ohne, dass sie sich dessen bewusst sind. Bist du dann heimatlos? Erkan verneint. Für ihn ist Heimat zunächst einmal: Vanilleeis. Und das Max-und-Moritz-Album, das ihm seine deutschen Ersatzgroßeltern zum Weihnachtsfest schenkten. "Aber ihr Türken feiert doch gar kein Weihnachten", sagt seine Grundschullehrerin. "Warum sprechen Sie so gut deutsch?", fragt ihn eine Passantin. "Wie gefällt es Ihnen in Deutschland?" Und Erkan antwortet: "Verdammt gut! Und Ihnen?" Heimat, das ist für ihn Sprache, Geborgenheit. Das sind Erinnerungen.

Erkan hat mindestens zwei Heimaten: Düsseldorf und die Stadt Eskişehir in der Türkei, aus der seine Familie stammt. Deutsch als Zweitsprache lehrt er an der Uni Essen/Duisburg - der Uni, mit einem der größten Migrantenanteile Deutschlands. "Für mich ist nicht Deutschland Heimat oder die Türkei", sagt er. "Länder sind nicht mein Konzept von Heimat. Sondern sie ist verbunden mit Orten, an denen ich mich geborgen fühle."

Besetzung:ErkanStefan Konarske

Von Antje Passenheim
Regie: Hannah Georgi
Redaktion: Christina Hänsel
Produktion: WDR 2018/30'

Ausstrahlung: 27. Juni 2018 in WDR3

Aus urheberrechtlichen Gründen kann das Hörspiel leider nicht zum Download angeboten werden. Sie können die Sendung aufzeichnen. Auf unserer Seite "Der WDR RadioRecorder" finden Sie dazu einige Tipps.

Der israelische Schriftsteller Tomer Gardi erzählt in gebrochenem Deutsch. Von Radili, der sich aus Angst vor Skins ein Messer kauft, und es dann bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen verliert. Oder hat er es schon vorher vergraben? Von seinem Freund Volker, mit dem Radili beste "Volkerverständigung" pflegt. Von der Reise eines israelischen Schriftstellers mit seiner Mutter nach Berlin und von zwei fremden Koffern, die die beiden am Flughafen mitnehmen. Von Männern in Frauenkleidern - oder umgekehrt?  Mit hintergründigem Witz werden hier Identitäten und Geschichten ineinandergeschoben, das Goethe-Institut als Kafka-Institut neueröffnet und die Besenkammern des jüdischen Museums in Berlin erkundet. Und darin findet sich natürlich: eine Leiche.

Tomer Gardi, selbsterklärter Arbeitsmigrant der deutschen Sprache:  "Also keine Angst. Ich nehme keiner Deutsche Literat seine Arbeit weg. Und deshalb musste ich das Jüdische Museum Besenkammer Tür aufmachen. Für die schwarze Arbeit. Ins deutsche Sprache. Und weil so sind wir Schriftsteller. Wir machen geschlossene Besenkammer Türe auf."

Ein Spiel mit Identitäten, Chronologie und Perspektive. Immer wieder wird das Erzählen gebrochen und die Sprache erst recht. Mit seinem Roman schaffte Tomer Gardi es bis zum renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Auch die dortige Diskussion, ob man in gebrochenem Deutsch überhaupt deutsche Literatur schreiben kann, ist Teil dieses vergnügt-labyrinthischen Hörspiels.

BesetzungAbschalom / RadiliDor AloniMutterAviva JoelLinker KünstlerMeik van SeverenEdenNoam BrusilovskyPolizistinHannah MüllerAntisemitischer Mann / Mann in der Akademie /
LiteraturkritikerHorst Hildebrand


Von Tomer Gardi
Bearbeitung und Regie: Noam Brusilovky
Redaktion: Isabel Platthaus

Produktion: SWR 2017/53'

Ausstrahlung: 30. Juni 2018 in WDR 3, 01. Juli 2018 in WDR 5

Eigentlich wollte Daniela Gerson während ihres Deutschlandstipendiums über Einwanderungspolitik berichten. Doch in Berlin angekommen, wird die 28-jährige New Yorker Jüdin sofort von der Vergangenheit eingeholt. Der Neonazi in ihrer Nachbarwohnung ist nur der Anfang.

Zwei Straßen weiter findet Daniela Stolpersteine, die an ermordete Familienmitglieder erinnern. Daniela entscheidet sich, die Orte der Vergangenheit zu besuchen - auch das Lager für Displaced Persons, in dem ihr Vater aufwuchs. Sie begegnet jungen und alten Deutschen und beginnt, auch deren Geschichte in Frage zu stellen.


Von Daniela Gerson und Wibke Bergemann
Regie: Friederike Wigger
Produktion: DKultur 2008

Ausstrahlung: 01. Juli 2018

WDR 3-Hörspielreihe vom 24. Juni – 1. Juli 2018

Alle reden wieder darüber: Identität. Heimat. Unsere Kultur. Aber wo verlaufen die Leitplanken der vermeintlichen Leitkultur? Wo liegt sie, die Heimat? Und wer gehört zu dem großen WIR dazu, das sie bevölkert? Die WDR 3 Hörspielreihe "BIN ICH SCHON DRIN? Heimatgeschichten" erkundet ein Territorium, das keineswegs so klare Grenzen hat, wie gerne behauptet wird. Es folgt Einwanderern und Expats, Alteingesessenen und Grenzgängern in ihren ganz eigenen Heimatgeschichten.

Den Auftakt der Reihe macht am 24. Juni Necati Öziris mit "Get deutsch or die tryin‘". Mit dem Feature "Too many Geister" findet die Reihe ihren Abschluss. Dazwischen beleuchten sechs Hörspiele den Begriff "Heimat" aus verschiedenen Perspektiven mit sehr persönlichen Geschichten. Denn wie schon Elvis sang: Home is where my heart is.