Entfremdet - Mit Karl Marx am Rande des Nervenzusammenbruchs

WDR 3 Kulturfeature - 05.05.2018, von Martin Hubert

Das Tempo nimmt zu und der arbeitende Mensch muss sich stets neuen Anforderungen stellen. Unsicherheit, Selbstausbeutung, Stresserkrankungen entfremden ihn von sich selbst und von seiner Arbeit. Gestern wie heute. Aber müssen wir uns überhaupt in der Erwerbsarbeit verwirklichen?

Karl Marx auf einem politischen Plakat, Russland um 1920, WDR/Interfoto

Das Feature steht nach der Sendung befristet zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Lange galt der am 5.5.1818 geborene Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx als "toter Hund". Aber seit der Finanzkrise von 2007 wird seine Kapitalismusanalyse wieder ernst genommen. Das gilt auch für seine zweite große Theorie, nach der der Mensch im Kapitalismus ein entfremdetes Wesen sei. Er verfüge weder über das Produkt seiner Arbeit, noch kontrolliere er den Arbeitsprozess, und mit seinen Kollegen dürfe er auch nicht frei kooperieren. Was der Arbeitende tue, bleibe ihm daher fremd, und als Gattungswesen könne er seine menschlichen Anlagen nicht ausbilden. Marx selbst hatte höchste Ansprüche an sich und sein Leben, stieß aber ständig an Grenzen. Politisch verfolgt, arm, häufig krank, lebte er manchmal am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Das Feature folgt den Lebensspuren von Karl Marx und fragt, ob sich der Mensch überhaupt in seiner Erwerbsarbeit voll und ganz verwirklichen muss? Vieles spricht dafür, dass Marx mit seiner Entfremdungstheorie einen so hohen Maßstab für nicht-entfremdete Arbeit formuliert hat, dass wir uns dabei heute im global gewordenen Konkurrenzkapitalismus permanent verausgaben und dem Ideal der Selbstverwirklichung nachjagen. Unzweifelhaft ist die Arbeitswelt heute humaner als im 19. Jahrhundert - Teamarbeit, Mitbestimmung und flexible Arbeitszeiten wurden eingeführt. Trotzdem klagen viele Menschen darüber, dass sie unter ihrer Arbeit leiden, sich teilweise im global gewordenen Kapitalismus abgehängt, sogar entwurzelt fühlen. Eine politische Entfremdung, die dem neuen Populismus von rechts in die Hände spielt.

Das WDR Sprecherensemble liest Gedichte über den Wert der Arbeit, über Ausbeutung und Revolution, über menschliche Macht und Ohnmacht. Dazu gibt es ausgesuchte Musik.

Bearbeitung: Manon Barabas
Redaktion: Ruth Dickhoven

Gedicht / Musik

Central Services, The Office
Interpret The Royal Philharmonic Orchestra
CD Brazil (Music from the Original Motion Picture)

Mascha Kaléko: Von Montagfrüh bis Wochenend
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Mascha Kaléko, Werke Band 1 / dtv 2012

Every Day
Interpret Saint Privat
CD Tous les jours

Erich Kästner: Bürger, schont eure Anlagen
Sprecher: Henning Freiberg WDR Sprecherensemble
Aus: Erich Kästner, Zeitgenossen, haufenweise / Carl Hanser Verlag 1998

Money Money Money
Interpret Pink Turtle
CD Back Again

Kurt Tucholsky: Arbeit, die wo den ganzen Mann ausfüllt
Sprecherin: Christina Maria Greve WDR Sprecherensemble
Aus: Mut zur Faulheit / Goldmann Verlag 1987

Viaggio con Anita
Interpret Ennio Morricone
CD 50 Movie Themes

Karl Marx: In seinem Sessel
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Karl Marx / Friedrich Engels, Schriften und Briefe 1837-1844 (Band 40)
Dietz Verlag Berlin 1985

E finalmente
Interpret Ennio Morricone
CD 50 Movie Themes

Theodor Fontane: Würd’ es mir fehlen, würd’ ich’s vermissen?
Sprecher: Michael Müller WDR Sprecherensemble
Aus: Mut zur Faulheit / Goldmann Verlag 1987

La belle vie
Interpret Térez Montcalm
CD Quand on s’aime

Johann Wolfgang von Goethe: Willst du...
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: O süßes Nichtstun. Hundert Gedichte zum Lob der Faulheit
Aufbau Verlag 2014

Cast a Net
Interpret Akron Family
CD The Cosmic Birth and Journey of Shinju

Jacques Prévert: Vor dem Tor zur Fabrik ...
Sprecher: Dominik Freiberger WDR Sprecherensemble
Aus: Mut zur Faulheit / Goldmann Verlag 1987

Une belle journée
Interpret Henri Salvador
CD Tant de temps

Mascha Kaléko: Langschläfers Morgenlied
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Mascha Kaléko, Werke Band 1 / dtv 2012

Langsam
Interpret Wise Guys
CD Frei!

Manfred Hausmann: Achtet mir die Sonnenscheinschlucker!
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Mut zur Faulheit / Goldmann Verlag 1987

Our Day Will Come
Interpret Waldeck
CD Ballroom Stories

Kurt Tucholsky: Das Ideal
Sprecher: Dominik Freiberger WDR Sprecherensemble
Aus: „Beständig ist das leicht Verletzliche“ / Ammann Verlag 2010

Fast Cars/ Naked Woman
Interpret Charles Afton
CD Lost Sunset Lounge

Eugen Roth: So ist das Leben
Sprecher: Lutz Göhnermeier WDR Sprecherensemble
Aus: Eugen Roth, Sämtliche Menschen / Carl Hanser Verlag 1983 

Take Another Five
Interpret Helge Lien & Knut Hem
CD Hummingbird

Karl Marx: Darum lasst uns alles wagen
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Karl Marx / Friedrich Engels, Schriften und Briefe 1837-1844 (Band 40)
Dietz Verlag Berlin 1985

À Bicyclette
Interpret Yves Montand
CD La Bicyclette

Bertolt Brecht: Ballade vom angenehmen Leben
Sprecher: Henning Freiberg WDR Sprecherensemble
Aus: Lob der Faulheit / Insel Verlag 2004

Let’s Face The Music And Dance
Interpret Nat King Cole
CD The World Of Nat King Cole

Friedrich Nietzsche: Gegen die Angst, fortwährend etwas zu versäumen
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Mut zur Faulheit / Goldmann Verlag 1987

Wenn ich einmal reich wär
Interpret Colalaila
CD Klezmer Fiesta

Erich Kästner: Knigge für Unbemittelte
Sprecherin: Christina Maria Greve WDR Sprecherensemble
Aus: Erich Kästner, Zeitgenossen, haufenweise / Carl Hanser Verlag 1998

The Robots
Interpret RotFront
CD Russendisko

Wilhelm Busch: Strebsam
Sprecher: Henning Freiberg WDR Sprecherensemble
Aus: Wilhelm Busch, Die Gedichte / Haffmans Verlag 2000

Satisfaction
Interpret Gary McFarland
CD Jazz Swings Pop

Erich Kästner: Hymnus auf die Bankiers
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Erich Kästner, Zeitgenossen, haufenweise / Carl Hanser Verlag 1998

Gold Junkies
Interpret Melanie De Biasio
CD Lilies

Erika Molny: Das Geld
Sprecher: Henning Freiberg WDR Sprecherensemble
Aus: Geld in Worten / Verlag Klaus Fritz 1990  

Take Five
Interpret Dave Brubeck
CD Instrumental Greats

Walter Bauer: Eines Tages werden wir aufwachen und wissen
Sprecher: Lutz Göhnermeier WDR Sprecherensemble
Aus: Walter Bauer, Stimme aus dem Leunawerk / Reclam Verlag 1980

Once In A Lifetime
Interpret Talking Heads
CD The Best Of Talking Heads

Ludwig Fulda: Wenn
Sprecherin: Christina Maria Greve WDR Sprecherensemble
Aus: O süßes Nichtstun. Hundert Gedichte zum Lob der Faulheit
Aufbau Verlag 2014

Paroles, Paroles
Interpret Quadro Nuevo
CD Tango Bitter Sweet

Erich Kästner: Jugend mit Hindernissen
Sprecherin: Katja Ruppenthal WDR Sprecherensemble
Aus: Erich Kästner, Zeitgenossen, haufenweise / Carl Hanser Verlag 1998

In Our Time
Interpret Lee Hazlewood
CD These Boots Are Made For Walking

Erich Kästner: Goldene Jugendzeit
Sprecher: Henning Freiberg WDR Sprecherensemble
Erich Kästner, Zeitgenossen, haufenweise / Carl Hanser Verlag 1998

As Time Goes By
Interpret: The 12 Cellists of the Berlin Philharmonic
CD As Time Goes By

Ludwig Thoma: Neue Zeit
Sprecher: Lutz Göhnermeier WDR Sprecherensemble
Aus: O süßes Nichtstun. Hundert Gedichte zum Lob der Faulheit
Aufbau Verlag 2014

Yesterday
Interpret Horst Jankowski
CD Jazz Club: A Walk In The Black Forrest

Kurt Tucholsky: Augen in der Großstadt
Sprecher: Dominik Freiberg WDR Sprecherensemble
Aus: „Beständig ist das leicht Verletzliche“ / Ammann Verlag 2010

Smile
Interpret Cyrille Aimée & Diego Figueiredo
CD Smile

Mascha Kaléko: Einmal sollte man ...
Sprecherin: Regina Münch WDR Sprecherensemble
Aus: Mascha Kaléko, Werke Band 1 / dtv 2012

Tema per Oria
Interpret Ennio Morricone
CD 50 Movie Themes Hits (Gold Edition)

Philosoph, Journalist, Ökonom, Historiker, Kapitalismuskritiker, Flüchtling - das Leben von Karl Marx hat viele Facetten.

Geboren in Trier als Sohn eines Anwalts, vertritt er bereits als Chefredakteur der oppositionellen "Rheinischen Zeitung" radikale Standpunkte und legt sich mit der preußischen Obrigkeit an. Als politisch Verfolgter verbringt er die Hälfte seines Lebens im Exil. Vor allem in London. Hier schreibt er auch "Das Kapital", das heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehört.

Zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels erstellte er Analysen über das System des Kapitalismus, die erstaunlich aktuell sind.

Redaktion: Ronald Feisel

Zentral im Werk von Karl Marx ist "Das Kapital". Als erster hat er in dieser Schrift definiert, was der Kern des Kapitalismus ist: Geld wird investiert, um Waren herzustellen. Bei ihrem Verkauf soll dann mehr Geld herausspringen, also ein Gewinn erzielt werden. Geld - Ware - Gewinn, so lautet damit die allgemeine Formel des Kapitalismus. Entscheidend ist der Profit, dem wird in der Marxschen Analyse alles untergeordnet, die Arbeiter und Angestellten sind nur ein Faktor in der Gewinn- und Verlustrechnung. Aber auch der einzelne Unternehmer entscheidet nicht frei, er hat gar keine andere Wahl als die Beteiligung an diesem Kreislauf, sonst ist er in der immensen Konkurrenzsituation von der Pleite bedroht. Am Ende der Fahnenstange stehen Oligopole - oder gar eine Monopolisierung. Es ist immer wieder verblüffend, wie exakt Karl Marx mit seinen Analysen auch für die heutige Situation noch ins Schwarze trifft.

Allerdings hat er sich an entscheidenden Stellen auch geirrt, sagt die Publizistin Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin bei der taz: Die von Marx prognostizierte absolute Verarmung der Arbeiter hat zum Beispiel so nicht stattgefunden. Marx konnte in seiner Mehrwerttheorie letztlich auch nicht wasserdicht belegen, wie sich der Wert einer Ware in ihren Preis "übersetzt". Und Marx hat nicht ausreichend berücksichtigt, dass das Geld nicht bloß ein Faktor im Prozess der Kapitalismus ist, sondern vielmehr auch eine soziale Dimension hat: Man sieht das ganz leicht an Geldscheinen, die deshalb so wertvoll sein können, weil ihnen dieser Wert auch sozial zugesprochen wird.

Welche Aktualität hat Karl Marx in Zeiten des globalisierten Kapitalismus? Was sagt Marx uns heute?

Hörer können mitdiskutieren unter 0800 5678 555 oder per Mail unter philo@wdr.de.

Redaktion: Gundi Große

Der Schweizer Philosoph Urs Marti-Brander räumt in seinem Buch mit der Vorstellung auf, Karl Marx habe in seinem Denken die Gleichheit der Freiheit vorgezogen. Im Gegenteil! Allerdings hat er schlüssig belegt, dass die Freiheit im Kapitalismus stets prekär bleibt und wenig "befreit". Jürgen Herres, Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe, beschreibt in "Marx & Engels" den zentralen Umstand im Marxschen Denken: seine enge Zusammenarbeit mit Friedrich Engels. Ohne Engels kein Marx. Und es wird um das Liebesleben des Karl Marx gehen – übrigens nicht zuletzt auch eine ökonomische Frage.

Die Sendung gibts nach Ausstrahlung hier zum Nachhören.

Die Sendung gibts nach Ausstrahlung hier zum Nachhören.

Am 5. Mai 2018 würde der Philosoph Karl Marx 200 Jahre alt - ein Denker, an dem sich bis heute die Geister scheiden. Marx selbst formulierte den Anspruch, „die Welt zu verändern“ – er konnte nicht ahnen, in welchem Ausmaß das für sein Werk zutreffen würde, wenn auch erst nach seinem Tode.

Wie auch immer man zu Marx und seinen Theorien stehen mag, unstrittig ist, dass kaum etwas die Geschichte des 20. Jahrhunderts so sehr beeinflusst hat wie das Werk des Mannes aus Trier.

Streit um das Erbe

In den zurückliegenden hundert Jahren haben weltweit Gesellschaftsumwälzungen im Namen der Theorien von Karl Marx stattgefunden, in der Sowjetunion, in China und Kuba, in der DDR. In Westeuropa ließen sich die Studentenbewegung von 68 und die Eurokommunisten in Frankreich und Italien von Marx inspirieren. Und in jüngster Zeit, in Zeiten der Globalisierung und der Kritik daran, erlebt Karl Marx eine Renaissance. Ob ATTAC-Aktivisten oder Kritiker der Investmentbanken - sie alle finden wesentliche Argumente in den Marxschen Theorien.

Von Trier bis London

Die Dokumentation von Peter Dörfler führt an Lebensstationen von Karl Marx wie Trier, Paris oder London und unternimmt eine Reise an Orte, wo Marx lebendig war oder noch ist. Zu Wort kommen Politiker wie Sarah Wagenknecht und Janis Varoufakis, die Historiker Stephen Smith und Christina Morina, der Publizist Mathias Greffrath, der ehemalige 68er Aktivist Peter Schneider, der ehemalige Londoner Investmentbanker Geraint Anderson und der Künstler Wu Weishan, der in Peking die meterhohe Marx-Statue als Geschenk an die Stadt Trier erschaffen hat.

Ein Film von Peter Dörfler
Redaktion: Beate Schlanstein

Buch:
Franz Schultheis, Berthold Vogel, Michael Gemperle (Hg.): Ein halbes Leben. Biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch. UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2010, 760 Seiten, 39,90 Euro, erhältlich beim Herbert von Halem Verlag

Ausstrahlung am 05. Mai 2018, Wiederholung am 6. Mai 2018
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: WDR 2018