Voodoo Queens

WDR 3 Hörspiel - 14.01.2018, von Sebastian Meissner

Im Voodoo hat Wasser eine besondere Bedeutung: es ist das Reich der Ahnen, in das wir nach dem Tod zurückkehren. Nachdem Hurrikan Katrina das amerikanische New Orleans im Wasser versinken ließ, hat Voodoo in der Stadt neuen Zulauf.

Im Voodoo Authentica Shop in New Orleans bestaunen Touristen eine Trommel-Zeremonie., Sebastian Meißner/wdr

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Als Ina Fandrich nach ihrem Theologie-Studium in Würzburg in den 1980er Jahren nach New Orleans zog, ahnte sie nicht, dass sie einmal selbst Voodoo Priesterin werden würde. Streng katholisch erzogen interessierte sie sich für die Geschichte und Bräuche dieser Religion, die durch die Unterdrückung der Sklaven auch stark vom Katholizismus beeinflusst ist. Besonders Marie Laveau faszinierte Fandrich, eine einflussreiche Voodoo-Priesterin im New Orleans des 19. Jahrhunderts. Heute wird der New Orleans-Voodoo größtenteils von weißen Priesterinnen zelebriert. Sie bringen die haitianische Liturgie zurück oder verzichten auf Tieropfer, was manch Einheimischer gar nicht gern sieht.

Wo genau die legendäre Voodoo-Priesterin Marie Laveau (ca. 1794 - 1881) auf dem St. Louis Cemetery #1 begraben liegt, wissen nur wenige. Mehrere Gräber dienen heute als Pilgerstätte für den Voodoo-Tourismus in New Orleans. Es heißt, wer an ihrem Grab drei Kreuze macht und sich dreimal im Kreis dreht, kann sich etwas wünschen. Nach mehreren Vandalismus-Vorfällen kann man den Friedhof nur noch in Begleitung von autorisierten Stadtführern betreten.

Ina Fandrich ist eine dieser Tour-Guides. In Würzburg geboren, kam sie in den 1980er Jahren nach New Orleans, um in den Stadtarchiven das Leben der Voodoo-Königin zu studieren. Ihre 1994 erschienene Promotion über Marie Laveau ist die erste wissenschaftliche Arbeit über deren Leben. Ina Fandrich fand heraus, dass die Voodoo-Priesterin sich auch sozial stark engagierte und Gelbfieberkranke pflegte.

In der katholischen Kirche Our Lady Guadalupe (hier im Bild) wurden einst Messen für die vielen Toten der Gelbfieber-Epidemien abgehalten, die mehrfach New Orleans heimsuchten. Schwarze Sklaven, die aus Afrika und der Karibik in die Stadt kamen, wurden unter Todesandrohungen zum Katholizismus bekehrt. Doch auch unter dem Deckmantel des Katholizismus überlebten viele Voodoo-Traditionen.

Das Voodoofest in New Orleans findet immer an Halloween statt. Mitten im touristischen French Quarter treffen hier Voodoo-Trommler, Voodoo-Priesterinnen und Voodoo-Touristen bei Vorträgen, Konzerten und Zeremonien aufeinander. Elmar T. Glover (im Bildvordergrund) erklärt dem Publikum die Praxis eines Bokors, also eines Voodoo-Zauberers. Das Fest findet direkt vor einem Voodoo-Souvenir-Shop mit magischem Bedarf und Kunsthandwerk aus Haiti statt.

Ein starker Regensturm hat die Festteilnehmer ins Ladeninnere umziehen lassen. Der Musiker Bruce Barnes spielt eine Mischung aus Blues, Spirituals und Zydeco, die stark von afrikanischen Rhythmen beeinflusst ist. Sein bevorzugtes Instrument an diesem Abend ist das Akkordeon, das auch mit deutschen Einwanderern in die Südstaaten gekommen ist. Bruce ist auch Chef der North Side Skull & Bone Gang – einer Folkloregruppe, die die Geschichte von entlaufenen Sklaven repräsentiert, die damals bei Indianerstämmen Zuflucht fanden.

Viele afroamerikanische Traditionen finden sich heute vor allem im Karneval. Neben den Baby-Dolls und der North Side Skull & Bone Gang sind die Mardi Gras Indians die dritte Folkloregruppe mit afroamerikanischen Wurzeln, die man auch heute noch bei Paraden in New Orleans antrifft. Sie repräsentieren die Geschichte der entlaufenen Sklaven, die bei Indianerstämmen Zuflucht fanden.

Am katholischen Feiertag Allerseelen lädt Sallie Ann Glassman in New Orleans zu ihrer Fete Gede-Zeremonie ein. So wird der Feiertag auf Haiti genannt, wo Sallie Ann Glassman als Voodoo-Priesterin initiiert wurde. Im Bild zu sehen ist einer von Sallie Anns eingerichteten Voodoo-Altären. Als überzeugte Vegetarierin gibt es bei ihr auch keine Tieropfer.

Priesterin Sallie Ann Glassman trägt während einer Voodoo-Zeremonie mit Maismehl die filigranen Veves-Symbole auf. Diesen rituellen Zeichnungen sind die verschiedenen Voodoo-Geister – auch Loas genannt– zugeordnet. Über die Jahre hat Sallie Ann Glassman ihre eigene Voodoo-Gemeinde aufgebaut, zu der jedoch nur sehr wenige Afroamerikaner zählen. Der Verzicht auf Tieropfer bei Voodoo-Ritualen hat ihr viel Ärger eingebracht – bis hin zu Morddrohungen.

Eine andere sehr bekannte Voodoo-Priesterin, Miriam Chamani, kam Mitte der 90er Jahre aus Chicago nach New Orleans. Ihr Kundenstamm reicht bis nach Hollywood und Moskau. Miriam konnte sich trotz vieler Krisen in New Orleans behaupten. Am 1. Februar ist in ihrem Laden und dem angrenzenden Tempel ein Brand ausgebrochen und hat großen Schaden angerichtet. Doch Miriam ist zuversichtlich und fest entschlossen, den Tempel neu aufzubauen.

In Miriams Tempel darf natürlich auch ein Marie Laveau-Altar nicht fehlen. Doch Miriam Chamani ist es wichtig zu sagen, dass die Voodoo-Königin nicht die einzige sozial engagierte Frau war. Auch heute noch bieten viele Voodoo-Priesterinnen den Menschen in New Orleans metaphysische und psychische Hilfe an. Vor lauter Marie Laveau-Verehrung hätten viele vergessen, so Miriam Chamani, wer sich heute für Voodoo in New Orleans einsetzt.

Feature von Sebastian Meissner
Es sprachen: Anjorka Strechel und Jonas Baeck
Regie: Nikolai von Koslowski und Sebastian Meissner
Realisation und Komposition: Sebastian Meissner
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2016/53‘